Rekord Kidical Mass in Stuttgart

Die Friedrichstraße wurde von kleinen und großen Radelnden in Beschlag genommen.

Was für ein Fest kindlicher Lebensfreude und Mobilität junger Generationen war diese Kidical Mass am 19. September 2021 in Stuttgart! Kurz vor der Abfahrt holten sich die Kinder noch den Stempel dieser Ausfahrt für ihr Stempelheftchen ab. Zur nächsten Ausfahrt, am 10. Oktober, winkt für die fleißigen Stempel-Sammler eine kleine Überraschung. Schließlich klingelten die Kinder so stürmisch bis Kiri, die radelnde Giraffe, endlich um die Ecke bog und unter lautem Hallo den Startschuss für diese Ausfahrt gab. Sie führte die Karawane mit Laufrädern, Kinderrädern, unzähligen Lastenrädern und Musikbegleitung an. Toll zu sehen, wie die Kinder eifrig Tempo machten auf ihren Laufrädern – fast zu schnell für die nebenher radelnden oder sogar joggenden Eltern. Die größeren Kinder auf eigenen Fahrrädern cruisten schon wie selbstverständlich durch ihre Stadt, auf Straßen, die sonst allein dem Auto zu gehören scheinen, das sich in unserer Stadt viel zu breit gemacht hat.

Kiri führte die Kidical Mass über den Rotebühlplatz.

Lachende Menschen statt Blechlawine

Vom Feuerseeplatz aus ging es über Rotebühlplatz bis zum Charlottenplatz. Gerade auf der Stadtautobahn, die Stuttgart in so radikaler Weise teilt, war es ein besonderer Anblick, nicht nur Blechlawinen zu sehen, sondern eine bunte, lachende Menschenmenge.
Wie immer sind die Tunnelfahrten etwas Besonderes bei der Kidical Mass. Diesmal ging es durch den Planie-Tunnel. Klingeln und Johlen ist hier Pflichtprogramm, denn es hallt so schön von den Tunnelwänden zurück. Wann sieht man schon einmal Laufräder und Kinderräder mit Polizei-Eskorte durch diesen Betonbau flitzen? Über den Arnulf-Klett-Platz, den Inbegriff einer überdimensionierten Straßenkreuzung mit Betonwüstencharakter, ging es an der Liederhalle vorbei wieder zum Rotebühlplatz und von dort weiter zur Augustenstraße, die im Rahmen der Mobilitätswoche zum Superblock wurde, mit spezieller Verkehrsführung und öffentlichem Raum für mehr Leben in der Stadt. Was für ein Spektakel!

Das Eis-Fahrrad im Superblock!

Hunderte Kinder und ihre Eltern sammelten sich in der Straße vor dem Kulturzentrum Merlin und drumrum, die von der nachmittäglichen Sonne hell erleuchtet wurde. Wo sonst Autos rumstehen, war plötzlich Leben auf der Straße, so wie an vielen Orten im Superblock, wo sich Anwohnerinnen und Anwohner auf ihrer Straße trafen, redeten und ihre Kinder spielen lassen konnten. Ein bisschen Stau gab es dann aber trotzdem, nämlich vor dem Eis-Fahrrad, das vor dem Kulturzentrum Merlin aufgestellt war – perfekt für diesen sommerlichen Sonntag!

Kurz vor dem Ziel erfüllten Kinderstimmen und Fahrradklingeln die Rotebühlstraße mit ungewohnten Klängen im Kontrast zum üblichen Verkehrslärm.


Bei all der positiven Stimmung blieb die Ernüchterung zurück, dass unbeschwertes Radfahren für die Kinder in Stuttgart im Alltag nur selten möglich ist. Damit Kinder und Jugendliche ungefährdet und eigenständig in Stuttgart unterwegs sein können, braucht es sichere Radwege. Sichere Fahrrad-Infrastruktur ist nichts weniger als ein Grundbedürfnis der jungen Generation, für das Stadt und Land sorgen müssen und auch die Verantwortung tragen. Sonst nämlich ist die Freiheit und Selbstständigkeit von Kindern und Jugendlichen massiv eingeschränkt, wenn sie sich bei Mobilität auf Elterntaxis und ÖPNV verlassen müssen. Das gleiche gilt übrigens auch für Fußwege, die noch viel zu oft von Falschparkern zugeparkt werden und somit für Kinder eine Gefahr darstellen.

Druck auf die Politik erhöhen

Die Initiatoren der Kidical Mass – der Zweirat Stuttgart, der Radentscheid Stuttgart und der ADFC Stuttgart – fordern deshalb eine Reform des Straßenverkehrsrechtes, die die Interessen der Kinder endlich angemessen berücksichtigt. Konkret fordert das Aktionsbündnis ein sicheres Schulradwege-Netz bis 2030, Schulstraßen und verkehrsberuhigte Bereiche vor jeder Schule und jeder Kita, stetig wachsende Finanzzusagen mit konkreten Zielvorgaben an die Kommunen und Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit innerorts. Die Politik darf nicht länger wegschauen, sondern muss sich der Aufgabe stellen, auch die schwächsten Teilnehmer im Straßenverkehr, die Kinder, zu schützen.
Die Kinder hatten bei der Kidical Mass jedenfalls einen riesigen Spaß, und die Veranstaltung war mit 750 Teilnehmenden die bisher größte Kidical Mass in Stuttgart. Sie war Teil einer bundesweiten Aktion, an der sich mehr als 130 Städte beteiligten. Weiter so, für mehr Platz auf unseren Straßen! (ME)

Fotos & Video: Kidical Mass Stuttgart

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